Mit dem Fahrrad 2600 km durch Laos und Vietnam
Nach 11 Stunden Flug komme ich am Flughafen von Chiang Rai (Thailand) an und bekomme von einem Mitarbeiter des Flughafens mein Rad persönlich überreicht. Obwohl das Rad gut in einer Box verstaut war, hatte es doch einen gewaltigen Schlag auf den hinteren Umwerfer abbekommen, was mich zwei Wochen später noch einen Tag Reparatur kosten wird. Mein Fortbewegungsmittel ist das Adventure X-treme von Kettler, ein voll gefedertes 26‘‘ Mountain Bike mit Magura Scheibenbremse.
Nach einem halben Jahr Vorbereitungszeit liegen in den nächsten fünf Wochen rund 2600 Km vor mir: Mein Ziel ist Ho Chi Minh City in Vietnam. Als Zeitraum für diese Tour habe ich die kalte Trockenzeit gewählt (November bis Februar). Nur in der Mitte Vietnams erwartet mich voraussichtlich Regen. Die Temperaturen werden tagsüber selten unter 25°C fallen aber auch nicht auf über 35°C steigen.
Am Tag nach meiner Ankunft führt mich meine erste Etappe nach Houay Say. Die Strassen im Norden Thailands machen einen guten Eindruck – wenn das so weitergeht, wird dieser Trip ein Kinderspiel.
Bei Houay Say bildet der Mekong die Grenze zwischen Thailand und Laos. In einem schaukeligen Holzboot überquere ich den Mekong.
Endlich in Laos, einem touristisch noch relativ unberührten Land, das ich mit Hilfe meines Rades näher erkunden möchte, und den Kontakt zur Bevölkerung suche. Laos ist ungefähr so groß wie die ehemalige BRD, aber dort leben nur etwa 4,9 Mio. Menschen.
Zunächst geht es auf einer asphaltierten Straße entlang des Mekong weiter, allerdings wird mir schnell klar, was es bedeutet, wenn auf der Nelles-Landkarte nur noch eine weiß gestrichelte Linie eingezeichnet ist: In dem Fall handelt es sich um eine mehr als katastrophale Staubpiste. Dies trifft somit auch auf den Zustand der Nationalstrasse 1 nach Luang Namtha zu. Pro Tag schaffe ich auf dieser Strecke nicht mehr als 100 km. Zum Glück habe ich mein Zelt dabei, denn auch ein Guest House sucht man in dieser Ecke von Laos vergeblich. Obwohl ich alleine im Zelt zunächst ein mulmiges Gefühl habe, überkommt mich dann doch die Müdigkeit durch die Anstrengungen des Tages und ich schlafe erschöpft ein.
Um sechs Uhr morgens fahre ich weiter nach Luang Namtha einem ziemlich trostlosen Ort nur noch ca. 60 km von der chinesischen Grenze entfernt. In dieser Gegend treffe ich viele Leute, die sich ein Zubrot durch den Handel in der Grenzregion verdienen und auch einige Chinesen, die als Arbeiter den Straßenbau von Laos weiterbringen.
Mein Weg führt mich weiter in südöstlicher Richtung nach Louang Prabang. In dieser Gegend ist ein Fremder auf einem Fahrrad DIE Attraktion in den Dörfern, in denen sonst eigentlich gar nichts los ist. Kinderscharen empfangen mich jedes Mal begeistert mit "Sabai Diiiiii" - Guten Tag.
Louang Prabang ist ein nettes Städtchen mit südfranzösisch anmutender Stadtbebauung umgeben von herrlichen Gebirgen, malerischen Flußläufen und tosenden Wasserfällen. Mehr als jede andere Stadt verkörpert Louang Prabang das traditionelle Laos. Hier gönne ich mir einen Tag Pause und genieße im Café des Arts Apfelkuchen und Capuccino.
Laos besteht zu mehr als ¾ aus Gebirgen und Hochebenen. Das bekomme ich auf meiner nächsten Etappe nach Phou Khoune ganz besonders hart zu spüren. Auf den 134 km sind drei Anstiege mit jeweils ca. 1500 Höhenmetern zu bewältigen. Als ich endlich abends um acht Uhr in Phou Khoune ankomme sind im einzigen Guest House bereits alle Betten belegt. Einiges an Überzeugungsarbeit ist nötig, bis der Wirt mir erlaubt mein Lager im Keller des Hauses aufzuschlagen.
Auf der Fahrt nach Phone Savan bietet sich mir ein atemberaubendes Naturschauspiel: Eine dichte Wolkendecke liegt in den Tälern unter mir, während ich unter blauem Himmel weiter in Richtung Tal der Tonkrüge radle.
Das Tal der Tonkrüge ist eine geheimnisumwitterte Hochebene in der Provinz Xieng Khouang. Rund 300 Steingefäße von knapp einem bis zweieinhalb Metern Höhe haben Krieg und Plünderung überstanden und geben Forschern auch heute noch viele Rätsel auf. Weder Alter noch Material oder Nutzung konnten bisher eindeutig bestimmt werden.
Die Stecke nach Paksane führt mich bergab auf immer schlechter werdenden Straßen durch dschungelartige Vegetation. Die Straße ist so schlammig, dass hier nicht einmal mehr die sonst vorherrschenden russischen Lkws fahren können. Gleichzeitig trifft man in dieser abgelegenen Gegend nur noch einzelne Bauern. Als ich nach zwei Tagen in Tha Tom ankomme, habe ich das Gefühl der erste Tourist in diesem Dorf zu sein. Den ganzen Tag über werde ich von ca. 40 Kindern auf Schritt und Tritt begleitet und jede meiner Aktionen wird begeistert beobachtet. Ganz besondere Aufmerksamkeit gilt meiner Reiseausrüstung, z.B. Leatherman Tool, Stirnlampe, Zelt etc. Ich komme mir vor wie James Bond, der für jede Situation das richtige Equipment zur Hand hat. Der Dorfälteste bittet mich, abends Kinder in Englisch zu unterrichten, was ich sehr gerne übernehme.
Die Straße endet in Tha Tom. Somit bin ich gezwungen die 80 km lange Reise nach Paksane mit einem alten klapprigen Holzboot fortzusetzen. Ein komisches Gefühl habe ich schon bei der Fahrt, da der Bootsführer permanent damit beschäftigt ist, die eindringenden Wassermassen (ca. 20 Liter pro Minute) aus dem Boot zu schöpfen.
In Paksane habe ich dann wieder festen Boden unter den Füßen: Asphaltiere Straße um genau zu sein. Diese macht es mir dann relativ einfach die Zweitagesetappe entlang des Mekong nach Savannaketh zu bestreiten.
Häuserzeilen im Kolonialstil sowie die schöne Aussicht über den Mekong nach Thailand prägen das Stadtbild. Ich bin froh mein Rad dabei zu haben. So kann ich alle touristisch interessanten Sehenswürdigkeiten schnell und bequem erreichen.
Zweieinhalb Tage später erreiche ich Lao Bao, den Grenzübergang nach Vietnam, der seit 1994 auch für Touristen geöffnet ist. Acht Grenzbeamte kontrollieren meinen Pass und untersuchen mein Rad ganz genau, denn ein Mountain Bike aus Aluminium mit Scheibenbremsen kommt in dieser Gegend wohl eher selten vor. Von hier aus geht es nach Hué der alten Kaiserstadt Vietnams. Die Fahrt ist sehr angenehm, da ich nun 1500 Höhenmeter bergab auf hervorragend asphaltierten Straßen unterwegs bin. Generell sind die Straßen in Vietnam in einem wesentlich besseren Zustand als in Laos. Einen Nachteil hat dies trotzdem: Der Verkehr ist wesentlich stärker. Vor allem ostdeutsche IFA-Laster prägen das Straßenbild gemeinsam mit Reisebussen, Ochsenkarren, Moped- und Radfahrern. Fahrrad fahren wird hier schon manchmal zur Nervensache zumal Busse und LKWs über extrem laute Hupen und Fanfaren verfügen. Diese stellen offensichtlich den wichtigsten Teil des Wagens dar und werden im Sekundentakt aktiviert. Manchmal bin ich leider auch gezwungen in den Straßengraben zu fahren, wenn mal wieder ein Lkw den anderen überholt und kein Platz mehr für mich auf der Straße bleibt.
Im Winter ist in Zentral-Vietnam Regenzeit. Ich bemühe mich schnell in den Süden zu kommen und muss erst mal über den Wolkenpass Richtung Da Nang. Der 22 km lange und 496 m hohe Wolkenpass war bis ins 15. Jh. hinein die "natürliche" Grenze zwischen Vietnam und Champa, ostasiatischer und südostasiatischer Kultur, und bildet bis heute die Klimagrenze und Wetterscheide zwischen dem tropischen Süden und dem subtropischen Norden Vietnams. Der an einer weiten Bucht gelegene und von hohen Bergen geschützte Hafen Da Nangs diente den Amerikanern 1965 als "Einfallstor" nach Vietnam. Da die Stadt außer schönen Stränden in der Umgebung wenig zu bieten hat, stoppe ich nur kurz für eine Portion Fried Rice und fahre dann direkt weiter nach Hoi An.
Ich erreiche Hoi An spät am Abend und habe Probleme noch ein freies Quartier zu bekommen. Auch hier bin ich wieder um mein Fahrrad dankbar, das mir ermöglicht von Guest House zu Guest House fahren, um nach einem Zimmer zu suchen. Hoi An wirkt als wäre die Zeit vor 150 Jahren stehen geblieben: alte chinesische Handelshäuser, Tempel und Versammlungshäuser sowie die Japanische Brücke prägen diesen Eindruck zusammen mit einer gewissen Gemütlichkeit, die die Bewohner hier scheinbar für sich gepachtet haben. Hier gönne ich mir einen Tag Pause und mache einige Ausflüge in die Umgebung und entspanne auch am nahe gelegenen Strand.
Vorbei an dem alten US-Luftwaffenstützpunkt Chu Lai wo ich auch mein Nachtlager aufschlage, geht es weiter nach Quang Ngai. Die jüngere Geschichte Vietnams ist allgegenwärtig: Menschen mit fehlenden Gliedmassen, Kriegsschrott als Blumenbeete oder durch Agent Orange verseuchte Berghänge erinnern mich immer wieder an den Vietnam Krieg.
Das Neue Jahr naht und ich beeile mich nach Nha Trang zu kommen, da sich dort traditionell viele Reisende treffen, um dieses Ereignis zu feiern. In Nha Trang angekommen, buche ich als erstes den schon fast legendären Mama Hanh’s Boatride auf dem ich 4 verschiedene Inseln zu sehen bekomme aber vor allem auch sehr viele andere junge Reisende kennenlerne, mit denen ich abends Silvester im Sailing Club feiere. Hier bleibe ich einige Tage, denn der kilometerlange von Palmen gesäumte Strand sowie das gute Wetter sind eine angenehme Abwechslung nach 3 Wochen auf dem Rad.
Von hier aus geht es weiter über Cam Ranh, einem alten US-Marinehafen nach Phan Rang einem kleinen Provinzdorf mit einem netten, touristisch unbehelligten Strand, wo ich den besten Thunfisch meines Lebens esse und dabei den Fischern auf ihren schwimmenden Körben zusehe.
Die nächste Etappe führt mich nach Da Lat, einer Stadt auf 1800 m Höhe gelegen, die den Kolonialherren ein kühles Refugium fernab von Saigon bot. Von den 130 km führen 50 km bergauf. Meine Knie schmerzen und ich bin froh endlich in meinem Hotel anzukommen. Für zwei Tage tausche ich mein Rad gegen ein Moped und erkunde die bergige, südfranzösisch anmutende Umgebung. Auf diese Art und Weise erholen sich auch meine Knie wieder.
Von jetzt an geht es in Richtung Ho Chi Minh City nur noch bergab. Die Straßen gehören zu den besten, die Vietnam zu bieten hat und auch der Verkehr hält sich bis kurz vor HCMC in Grenzen. Links und rechts der Straße wird Kaffee angebaut und in den Vorhöfen der teils armseligen Hütten getrocknet. Seltsamerweise findet sich auf dem 300 Km langen Abschnitt zwischen Da Lat und HCMC kein richtiges Hotel oder Guest House, so dass ich spontan von Leuten eingeladen werde, privat zu übernachten.
Je näher ich Ho Chi Minh City komme, desto hektischer wird der Verkehr. Vor allem Motorräder und Mopeds prägen das Straßenbild. Die Leute fahren schnell und rücksichtslos, sind aber dennoch weniger aggressiv als in Deutschland. Einfacher wird es für mich deshalb trotzdem nicht. Endlich in HCMC angekommen, fällt einiges an Druck von mir ab. Der Druck, ob ich es rechtzeitig hierher schaffen werde, die Frage ob mich jemand ausraubt, oder ob ich vielleicht gesundheitliche Probleme bekomme. Mein Fahrrad war spitze. Ich war froh ein voll gefedertes Mountain Bike dabei gehabt zu haben, auch wenn es ein wenig schwerer war als ein ungefedertes Rad. Im Nachhinein denke ich, daß die gute Federung sicher mit ein Grund dafür ist, dass keine Speiche gebrochen ist und ich auch keine Reifenpanne hatte. Auf etwa 2600 km mit dem Rad habe ich sehr viele nette Menschen getroffen, die wunderschönen Landschaften der Länder Laos und Vietnam erlebt sowie einiges für mich selbst gelernt. Begeistert hat mich vor allem die Gastfreundschaft und Offenheit der Menschen – beispielsweise zum Essen eingeladen zu werden, gehört in diesen Ländern zur Selbstverständlichkeit.
Wer den direkten Kontakt zur Bevölkerung sucht und dabei körperliche Anstrengungen nicht scheut, dem kann ich diese Tour nur wärmstens empfehlen.